Agentic Commerce: Wenn KI für Kunden einkauft

Was passiert, wenn Kund:innen deinen Shop gar nicht mehr selbst besuchen? Wenn ein KI-Assistent für sie vergleicht, auswählt und bestellt? Genau das ist Agentic Commerce und es kommt schneller, als du denkst.

Agentic Commerce: Wenn KI für deine Kunden einkauft

Da kommt was. Eine Entwicklung, die so grundlegend ist, dass sie das, was wir heute unter Onlineshopping verstehen, dauerhaft verändern wird. Vergiss für einen Moment alles, was du über Conversion-Optimierung, User Experience oder Warenkorb-Abbrüche gelernt hast. Denn die nächste grosse Welle im E-Commerce heisst Agentic Commerce. Und sie rollt schneller auf uns zu, als vielen lieb ist.

Die Idee dahinter ist ebenso simpel wie radikal: In naher Zukunft klicken sich Kundinnen und Kunden nicht mehr selbst durch unzählige Onlineshops. Sie delegieren diese Aufgabe an einen persönlichen KI-Shopping-Agenten. Ein einziger Befehl reicht: „Finde mir eine wasserdichte, atmungsaktive Jacke für eine Velotour am Wochenende. Nachhaltig produziert, unter 300 Franken, Lieferung bis morgen.“

Den Rest übernimmt die KI. Sie recherchiert, vergleicht Angebote, prüft Verfügbarkeiten und schliesst den Kauf ab – oft, ohne dass der Mensch auch nur eine einzige Website besucht.

Für Kundinnen und Kunden ist das maximaler Komfort. Für Onlinehändler kann es schnell zum Albtraum werden. Zumindest dann, wenn sie jetzt nicht aufwachen.

Der KI Shopping Agent: dein neuer, unsichtbarer Kunde

Der klassische Verkaufstrichter – Awareness, Interest, Desire, Action –funktioniert in einer Welt mit Agentic Commerce nicht mehr. Er wird nicht optimiert, er wird umgedreht. Denn dein neuer „Kunde“ ist kein Mensch, sondern ein Algorithmus.

Ein KI-Shopping-Agent kauft nicht aus dem Bauch heraus. Er reagiert nicht auf Emotionen, Design oder clevere Werbeslogans. Hübsche Banner? Egal. Brand Storytelling? Nett, aber irrelevant. Der Agent entscheidet rational, datenbasiert und kompromisslos effizient.

Was bedeutet das für deinen Onlineshop?

·      Deine Daten werden zu deinem wichtigsten Verkaufsargument.
In einer GEO-Welt (Generative Suchmaschinenoptimierung) treffen KI-Systeme und Shopping-Agenten Kaufentscheidungen auf Basis von strukturierten, maschinenlesbaren Informationen – nicht auf Basis von Werbeversprechen oder schönen Produkttexten. Dazu gehören unter anderem Preis, Verfügbarkeit, Lieferzeit, Materialzusammensetzung, Produktionsland, Kundenbewertungen, Nachhaltigkeitszertifikate und Retourenquoten.

Fehlen diese Daten, sind sie unvollständig oder nicht sauber strukturiert, existiert dein Produkt für den Agenten schlicht nicht. Dann passiert genau das, was GEO verhindern soll: keine Sichtbarkeit in generativen Antworten, keine Berücksichtigung in Empfehlungen, keine Auswahl – und am Ende kein Verkauf.

·      Markenloyalität? Wird neu definiert.

Die Loyalität eines KI-Agenten gilt einzig seinem menschlichen Nutzer, nicht deiner Marke. Er wählt konsequent das Produkt, das die definierten Kriterien am besten erfüllt. Unabhängig davon, ob es von dir stammt oder von deinem direkten Konkurrenten.

Wer heute noch glaubt, starke Marken würden automatisch bevorzugt, denkt zu kurz. In der Logik von Agentic Commerce zählt nicht, wer du bist – sondern wie gut deine Daten sind.

Praxis-Tipp: Führe ein schonungsloses Audit deiner Produktdaten durch. Und zwar jetzt.
Stelle dir bei jeder einzelnen Information dieselben Fragen:

  • Ist sie präzise?
  • Ist sie vollständig?
  • Ist sie strukturiert hinterlegt (z. B. via Schema.org), sodass Maschinen sie verstehen können?

Diese Basis entscheidet darüber, ob dein Shop in Zukunft überhaupt noch relevant ist. Denn Agentic Commerce verzeiht keine schlampigen Daten.

Google KI Shopping & AI Commerce Plattformen: Die neuen Gatekeeper

Es ist kein Zufall, dass Giganten wie Google massiv in dieses Feld investieren. Mit ihren neuen KI-Tools schaffen sie die Infrastruktur für Agentic Commerce. Diese AI Commerce Plattformen werden zu den neuen Marktplätzen, zu den zentralen Vermittlern zwischen dem KI-Agenten des Kunden und den Daten der Händler.

Warum das entscheidend ist:

·      Sichtbarkeit ist alles: Wer auf diesen Plattformen nicht mit perfekten, strukturierten Datenfeeds präsent ist, nimmt am Spiel gar nicht erst teil. Es ist, als würde man versuchen, ein Ladengeschäft ohne Tür zu betreiben.

·      Performance Marketing mit KI: Die Werbemassnahmen werden sich verschieben. Statt auf Keywords für menschliche Suchanfragen zu bieten, werden Händler dafür bezahlen, dass ihre Produkte von den KI-Agenten bevorzugt berücksichtigt werden. Performance Marketing mit KI bedeutet, die Algorithmen der Gatekeeper zu verstehen und zu bedienen.

Eine These: Deine aufwändig gestaltete Homepage und dein liebevoll kuratierter Instagram-Feed werden an Bedeutung verlieren. Deine wichtigste Schnittstelle zur Aussenwelt wird der Datenfeed zu den grossen KI-Plattformen sein.

Der automatisierte Checkout: Effizienz auf einem neuen Level

Wenn der KI-Agent eine Kaufentscheidung getroffen hat, will er den Prozess so reibungslos wie möglich abschliessen. Ein automatisierter Checkout wird zur Norm. Der Agent übermittelt die Lieferadresse und Zahlungsdaten direkt über eine API (Programmierschnittstelle), ohne sich durch deinen mehrstufigen Warenkorbprozess zu klicken.

Die Konsequenzen für dich:

·      Technische Bereitschaft ist Pflicht: Bietet dein Shopsystem keine modernen, offenen Schnittstellen für einen automatisierten Checkout? Dann fällst du durchs Raster. Die Hürde eines manuellen Checkouts wird für einen KI-Agenten ein K.O.-Kriterium sein.

·      Upselling wird schwieriger: Die klassische Logik „Kundinnen, die dies kauften, kauften auch …“ an der Kasse verliert ihre Wirkung, sobald kein Mensch mehr vor dem Checkout sitzt. Upselling und Cross-Selling müssen künftig viel früher greifen. Sie gehören direkt in deine Produktdaten und Empfehlungslogiken, damit ein KI-Agent sie überhaupt berücksichtigen kann.

Google Chrome denkt mit: Agentic AI übernimmt Webaufgaben

Ein weiterer Player ist im Game: Google Chrome integriert Agentic AI. Der meistgenutzte Browser der Schweiz wird damit zum digitalen Handlungsgehilfen und kann Webaufgaben künftig autonom ausführen. Google stellt neue Gemini-Updates vor, die dir helfen, das Web effizienter zu nutzen – von der selbstständigen Navigation durch Webseiten bis hin zum Abschliessen komplexer Aufgaben.Als Anwender gibst du nur noch das Ziel vor, während Gemini die nötigen Schritte plant und ausführt. Ob Preisvergleiche, Buchungen oder das automatische Ausfüllen von Formularen: Der Browser übernimmt die Arbeit im Hintergrund, während du in anderen Tabs weiterarbeiten kannst. Am Ende liefert Chrome einen konkreten Vorschlag, den du nur noch bestätigen musst – die Kontrolle bleibt also weiterhin bei dir.

Fazit: Vom Shop-Betreiber zum Daten-Architekten

Agentic Commerce ist keine Bedrohung, sondern eine enorme Chance. Vorausgesetzt, du bist bereit umzudenken. Deine Rolle als Händler erweitert sich: Du bist nicht mehr nur Gestalter eines attraktiven Online-Shops, sondern zunehmend Architekt sauberer, vertrauenswürdiger Datenstrukturen.

Der Erfolg von morgen entscheidet sich immer stärker daran, wie präzise, vollständig und maschinenlesbar deine Produktdaten sind. Aber: Das bedeutet nicht, dass Design, Markenauftritt und Emotionen plötzlich egal werden. Solange Menschen selbst shoppen, vergleichen und entscheiden, bleiben Vertrauen, Nutzerführung und Erlebnis zentrale Faktoren.

Die Herausforderung liegt im Spagat. Dein Shop muss für zwei „Zielgruppen“ funktionieren: für Menschen und für Maschinen. Während KI-Agenten rational und datengetrieben entscheiden, suchen menschliche Käuferinnen und Käufer weiterhin Inspiration, Orientierung und Sicherheit.

Die gute Nachricht: Das Grundprinzip bleibt dasselbe. Es geht nach wie vor darum, das bestmögliche Produkt für reale Bedürfnisse anzubieten und dieses überzeugend zu erklären.

Fang heute an. Optimiere deine Produktdaten. Mach dein Inventarfür Maschinen lesbar. Und verliere dabei den Menschen nicht aus dem Blick. Denn eines ist sicher: KI wird für einen Teil deiner Kundschaft einkaufen.

FAQ

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Die drei häufigsten Fragen rund um Agentic Commerce – kurz und klar beantwortet.

1. Wann wird Agentic Commerce relevant? Ist das nicht noch Jahre entfernt?

Die technologischen Bausteine sind bereits da. KI-Modelle und digitale Assistenten werden täglich leistungsfähiger. Erste Auswirkungen von Agentic Commerce werden wir voraussichtlich innerhalb der nächsten 1–3 Jahre sehen. Wer erst dann reagiert, kommt zu spät.

2. Verliere ich durch Agentic Commerce den direkten Kontakt zu meinen Kunden?

Der Kontakt verschwindet nicht, er verschiebt sich. Statt über die Website interagierst du über die Qualität deiner Daten und die Zuverlässigkeit deiner Prozesse. Eine reibungslose Erfahrung für den KI-Agenten führt am Ende zu zufriedenen, loyalen Kundinnen und Kunden.

3. Was ist der erste und wichtigste Schritt?

Starte mit einem konsequenten Audit deiner Produktdaten. Liste alle relevanten Attribute auf – von Grösse und Material bis zu Herkunft und Zertifikaten – und prüfe, wie vollständig, präzise und strukturiert sie in deinem System vorliegen. Das ist die Grundlage für alles Weitere.

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